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 das UK-konzept an der waldschule - teil 2

UNTERSTÜTZTE KOMMUNIKATION
was ist kommunikation?

Kommunikation ist als menschliches Grundbedürfnis für die Lebensqualität eines Menschen von überaus großer Bedeutung. Sie ist wesentliche Bedingung für soziale Partizipation und Selbstbestimmung und zudem wichtige Grundlage jeder Entwicklung.

Laut Wilken (2002, 4) meint Kommunikation alle „Verhaltensweisen und Ausdrucksformen, mit denen wir mit anderen Menschen bewusst oder unbewusst in Beziehung treten.“ Bei Kommunikation handelt es sich um eine wechselseitige Beziehung zwischen Kommunikationspartnern, in der eine Person einer oder mehreren anderen Personen Informationen darüber vermittelt, was ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche, ihre Gedanken oder ihre Gefühle sind. Diese Botschaften werden nicht nur über die Lautsprache, sondern auch über nonverbale Kommunikationsmodi wie Mimik, Gestik, Gebärden oder z. B. Bildzeichen vermittelt (vgl. Biermann 2000, 802).

was ist unterstützte kommunikation?

Der Begriff „Unterstützte Kommunikation“ ist die deutsche Bezeichnung des internationalen Fachterminus AAC (Augmentative and Alternative Communication). Man versteht darunter alle pädagogischen und therapeutischen Hilfen, die Menschen ohne oder mit erheblich eingeschränkter Lautsprache zur Verständigung angeboten werden (vgl. Kristen 1994, 15). Mit dem Konzept der UK wird versucht, gemeinsam mit den betroffenen Personen individuelle Kommunikationssysteme zu entwickeln, die ergänzend (augmentative) bzw. ersetzend (alternative) zur Lautsprache Kommunikation möglich machen.

zielgruppe der unterstützten kommunikation

Die Gruppe der Menschen, die vom Konzept der UK profitieren können, ist heterogen. Es handelt sich um Menschen, die sich aufgrund angeborener Behinderungen (z. B. Cerebralparese, geistige Behinderung u. a.), fortschreitender Erkrankungen (Muskeldystrophie, Multiple Sklerose u. a.) oder erworbener Behinderungen durch Unfälle gar nicht oder nur schwer verständlich lautsprachlich mitteilen können. Die Bereiche Kommunikation und Sprache werden von Beginn, im Verlauf oder nach Vollendung ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Die betroffenen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen besitzen ihrem Entwicklungsstand entsprechend Sprachverständis und -kompetenz, können sich mit ihren individuellen kommunikativen Fähigkeiten aber nicht zufriedenstellend lautsprachlich verständlich ausdrücken (vgl. Kristen 1994, 15).

ziele der unterstützten kommunikation

Das primäre Ziel des Konzepts der UK ist, die nicht oder kaum sprechenden Menschen aus ihrer kommunikativen Not bzw. Isolation zu befreien. Für die Betroffenen soll Kommunikation nicht zu einem permanenten Frustrationserlebnis werden, da sonst „die für eine erfolgreiche Kommunikation notwendigen Fähigkeiten nicht erworben werden können bzw. vorhandene Fähigkeiten verschüttet werden“ (Braun 1996, 346). Gemeinsam werden individuelle Kommunikationssysteme entwickelt und den Nutzern mit Hilfsmitteln, Techniken und Strategien eine effektivere Kommunikation ermöglicht.

Das Konzept der UK betont die Beachtung und Akzeptanz aller vorhandenen Kommunikationsformen, d. h. dass sämtliche Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen ein nicht sprechender Mensch wirksam kommunizieren kann, gleichwertig und deshalb gleichberechtigt nebeneinander stehen und genutzt werden. Die AAC-Theorie verwendet hierfür den Begriff „multimodales Kommunikationssystem“ und verdeutlicht hiermit die mosaikartige Verknüpfung und Ergänzung der verschiedenen gleichwertigen Kommunikationsformen.

Ein weiteres Ziel besteht darin, die sprechenden Interaktionspartner für die besondere Situation der „unterstützt“ Kommunizierenden zu sensibilisieren. Sie müssen auf alle gezeigten Ausdrucksmöglichkeiten des nicht sprechenden Partners eingehen, die Signale und Zeichen richtig interpretieren und eine spezielle Form der Gesprächsführung einsetzen, um die genauen Absichten des Betroffenen ermitteln zu können (vgl. Kristen 1994, 21). Wichtig sind das gemeinsame Ko-Konstruieren von kompletten Mitteilungen aus bruchstückhaften Hinweisen des unterstützt Kommunizierenden, Fragetechniken wie Ja-/Nein-Fragen oder Entscheidungsfragen und Grundhaltungen der personenzentrierten Gesprächsführung von Rogers (1981) wie Echtheit, Achtung und Wertschätzung, einfühlendes Verstehen und Empathie. Der unterstützt kommunizierende Mensch soll erkennen, dass seine Bezugspersonen sich für ihn und seine Wünsche und Bedürfnisse interessieren und ihn ernst nehmen (vgl. Kristen 1994, 54; Weid-Goldschmidt 1996, 194 ff.).

kommunikationsformen der unterstützten kommunikation

Das Konzept der UK unterscheidet zwischen körpereigenen und externen Kommunikationsformen.

Zu den körpereigenen Kommunikationsformen gehören alle Kommunikationsmöglichkeiten, die mit Hilfe des Körpers vollzogen werden, z. B. die Nutzung von Lautsprache (Laute, Lautsprachansätze und -reste), Blickwendungen, Mimik, Zeigebewegungen (Deiktik), Gestik, Körperhaltung, Gebärden, individuelle Ja-/Nein-Signale u. a.. Die Vorteile körpereigener Kommunikationsmethoden liegen darin, dass sie schnell, spontan und überall benutzt werden können. Im Umgang mit vertrauten Partnern, die in die teilweise sehr individuellen Kommunikationsformen optimal eingeweiht sind, stellen körpereigene Kommunikations-möglichkeiten meist die effektivste Art der Verständigung dar. Im Umgang mit fremden Menschen und bei der Vermittlung komplexerer Inhalte scheitert diese Form der körpereigenen Kommunikation jedoch sehr häufig. Außerdem kann Kommunikation nur stattfinden, wenn die Bezugsperson sich dem nicht sprechenden Menschen voll zuwendet (vgl. Braun 1996, 4f.).

Bei den externen bzw. hilfsmittelunterstützten Kommunikationsformen wird differenziert in nichtelektronische und elektronische Kommunikationshilfen.

Zu den nichtelektronischen Kommunikationshilfen gehören einerseits reale Gegenstände und Kommunikationskästen mit konkreten Objekten, andererseits einzelne Wort-, Symbol- oder Bildkarten und Kommunikationstafeln, -bücher u. a. mit Fotos, Bildern, Symbolen und Buchstaben. Nichtelektronische Hilfsmittel haben viele Vorteile: sie sind robust, leicht zu transportieren, relativ einfach und preiswert herzustellen, individuell anpassungs- und ausbaufähig und nicht so störanfällig wie technische Geräte. Ein großer Nachteil besteht darin, dass der Benutzer von der körperlichen Nähe, der totalen Aufmerksamkeit und der Kokonstruktionsfähigkeit des Partners abhängig ist. In Gruppen wird ein „Übersetzer“ benötigt, der direkt auf die Kommunikationshilfe schaut und gezeigte konkrete Gegenstände und Symbole bzw. deren Bedeutung verbalisiert. Dem Benutzer ist kaum eine Gesprächssteuerung möglich (vgl. Kristen 1994, 74; Arnusch und Pivit 1996, 23 f.).

Zu den elektronischen Kommunikationshilfen gehören tragbare Geräte mit Sprachausgabe, die sich in Bezug auf Speicherkapazität, digitalisierte und synthetische Sprachausgabe, Kodierungsstrategie, statische und dynamische Anzeige und Symbol- bzw. Schriftorientiertheit unterscheiden. Erste einfache Geräte sind der „TalkingBuddy“, der „Step-by-Step-Communicator“ und der „GoTalk“. Als komplexere gängige Kommunikationshilfen gibt es  beispielsweise einerseits den „Easytalk“ und den „Digivox“ mit digitaler Sprachausgabe und statischer Anzeige, andererseits z. B. den „AladinTalk“ mit synthetischer und digitaler Sprachausgabe und dynamischer Anzeige.

Die Vorteile tragbarer elektronischer Kommunikationshilfen sind groß: Der Benutzer kann selbständig reden, schimpfen und rufen. Er kann Gefühle spontan und laut äußern, mit fremden Gesprächspartnerinnen und -partnern und selbst mit Personen reden, die gerade nicht sichtbar sind. Hochentwickelte Sprechcomputer können ein höheres Ausmaß an Gesprächsführung ermöglichen, dadurch dass der Benutzer von sich aus ein Gespräch initiieren und steuern kann.

Als Nachteile lassen sich – gerade bei komplexeren Sprechcomputern - eine hohe Einarbeitungszeit für Nutzer und Betreuer, derzeit noch eine hohe technische Anfälligkeit der Geräte und deren ständige Wartung nennen (vgl. Braun 1996, 350 ff.).

das partizipationsmodell als planungs- und überprüfungshilfe für UK-maßnahmen im unterricht

Hilfreich für die Planung und Überprüfung der UK-Maßnahmen im Unterricht ist das von Beukelmann/Mirenda (1998) entwickelte Partizipationsmodell (vgl. Braun und Kristen 2001, 6 ff.: Antener 2001, 257 ff.), ein systematisches Modell für die Planung, Durchführung und Evaluation von Maßnahmen in UK. Mit Hilfe dieses Modells sollen für eine nicht oder kaum lautsprachlich kommunizierende Person ein Mehr an Partizipation im Alltag erreicht bzw. UK-Maßnahmen im Unterrichtsalltag etabliert werden.

In einer diagnostischen Phase werden zunächst die Kommunikationsbedürfnisse einer Person sowie deren physische, kognitive, sprachliche und sensorische Fähigkeiten.

Nach Antener (2001, 260) folgt dann die Identifizierung von Partizipationsmustern, d. h. dass alle alltäglichen Aktivitäten erfasst werden, an denen die nicht sprechende Person in der Schule, zu Hause usw. regelmäßig teilnimmt.

Die Partizipationsmöglichkeiten eines nicht sprechenden Schülers der Schule für Geistigbehinderte werden mit denen seiner sprechenden Mitschülern verglichen (vgl. Braun und Kristen 2001, 8).

Weiterhin werden Partizipationsbarrieren deutlich gemacht, die eine unzureichende Teilnahme an Aktivitäten erklären bzw. hinderlich für erfolgreiche UK-Maßnahmen sind.

Aufgrund der erhobenen Daten können nun ein Interventionsplan und UK-Maßnahmen überlegt werden, mit denen der Partizipationsgrad der Person bei Alltagsaktivitäten gesteigert wird.

Bestandteil des Partizipationsmodells ist die ständige Überprüfung der Interventionen auf ihre Wirksamkeit hin, d. h. ob der betroffene Mensch wirklich mehr kommunikativ partizipiert. In einer sogenannten „Follow-Up-Diagnostik“ wird das bestehende UK-System gewartet, immer wieder aktualisiert und den Kommunikationsbedürfnissen im Sinne einer kontinuierlichen Optimierung angepasst. Dies ist gerade bei Kindern und Jugendlichen wichtig, deren Bedürfnisse und Interessen sich schnell verändern (vgl. Antener 2001, 260).



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